Jakob Schaad, Avenir Suisse zeigt in einer neuen Studie auf, dass die Digitalisierung in der Schweiz keine Revolution, sondern stetige Entwicklung ist. Wird sie daher weniger bewusst wahrgenommen?

Jakob Schaad: Möglich. Die Schweiz war schon immer anpassungsfähig im Übernehmen neuer Technologien. Wir sehen heute, dass die Anforderungen im Arbeitsmarkt durch diese Veränderungen langsam, aber stetig steigen. Unser Bildungssystem hat die Herausforderungen bisher gut gemeistert, auch Weiterbildungen werden vorgenommen. Es zeigt sich aber, dass Allgemeinbildung in Zeiten technologischer Unsicherheit gegenüber dem Spezialistentum an Wert gewinnt – weil Spezialwissen immer das Risiko trägt, plötzlich wertlos zu werden. Doch wir dürfen uns nicht ausruhen. Das Bildungssystem muss stärker darauf achten, dass digitales Denken früh erlernt wird. Aufholbedarf besteht besonders in der Volksschule, teilweise auch in der Berufslehre.

Blicken Sie in Ihre Zauberkugel: Welche Veränderungen kommen auf Schweizer Fintech zu?

JS: Da gibt’s noch viel zu tun. Die Schweiz ist nicht gerade der Frontrunner. Noch nutzen wir etwa in der Vermögensverwaltung die Möglichkeiten der Digitalisierung wenig. Vieles ist in diesem Bereich sehr technisch, etwa die optimale Diversifikation der Risiken in einem Wertschriftenportfolio. Das kann ein Algorithmus besser als ein Berater aus Fleisch und Blut. Roboadvisory könnte auch noch breiter eingesetzt werden. Künstliche Intelligenz könnte zum Beispiel genutzt werden, um Anlageempfehlungen besser auf die Bedürfnisse des Kunden abzustimmen. Auch Kombinationen mit herkömmlicher Beratung sind denkbar. Dann gibt es ungenutzte Möglichkeiten im Bereich von Reg Tech (Regulatory Technology). Die Finanzbranche ist weltweit hochreguliert; Reg Tech Services können uns helfen, neue Regulierungen effizienter umzusetzen, etwa in der Überwachung von Kennzahlen wie Eigenkapital und Liquidität. Singapur und Grossbritannien haben in diesem Bereich bereits dezidierte Strategien.

Würden Sie die Wirtschaftsförderung von Jungunternehmern in diesen neuen Geschäftsfeldern als ausreichend bezeichnen?

JS: Wir sind zurückhaltend mit Sonderkonditionen wie Zuschüssen oder Steuervorteilen. Entscheidend ist, dass der Staat die Jungunternehmen nicht behindert, zum Beispiel bei der Besteuerung oder mit schwerfälliger Regulierung.

Die Arbeitszeit ist letztes Jahr gestiegen – werden die Grenzen zwischen Privat- und Berufsleben weiter verschwimmen?

JS: Wir haben die Gig Economy untersucht. In diesem Teil des Arbeitsmarkts werden kleine Aufträge und Projektarbeiten kurzfristig an Freiberufler vergeben – sie sind in der Schweiz noch nicht stark. Aber die Gig Economy wird aller Voraussicht nach wachsen. Es ist ein eminenter Vorteil in der neuen Arbeitswelt, wenn man unterschiedlich einsetzbar ist. Darum ist zu prüfen, ob die Schwarz-Weiss-Unterscheidung zwischen angestellt und selbstständig erwerbend zukunftstauglich ist. Avenir Suisse hat vorgeschlagen, einen neuen Sozialversicherungsstatus des selbstständigen Angestellten zu schaffen. Der Bundesrat lässt diese Idee derzeit prüfen.

Die Swiss Finance Start-ups (SFS) wurden 2014 in Zürich von einigen Pionieren der Fintech-Industrie gegründet. Gerade zu jener Zeit standen die Grossbanken durch die US-Justiz stark unter Druck – ein Zusammenhang? Welches waren die Meilensteine in der relativ kurzen Firmengeschichte?

Christina Kehl: Swiss Finance Start-ups ist eine Start-up-Vereinigung und wurde direkt aus der Fintech-Gründer-Szene ins Leben gerufen. Wir verstehen uns als Sprachrohr der Start-up-Szene und setzen uns für das gesamte Fintechökosystem in der Schweiz ein. Als Non-Profit-Organisation geht es uns bei SFS darum, Fintech in der Schweiz zu fördern und damit den Schweizer Finanzplatz im Zeitalter der Digitalisierung modern und wettbewerbsfähig mitzugestalten. Aus unserer Sicht spielen dabei Start-ups eine zentrale Rolle. Ein Start-up als Einzelnes findet allerdings wenig Gehör auf dem Finanzplatz der Grossbanken; wir Fintech-Start-ups zusammen formen eine wichtige und gewichtige Stimme. 

2014, als SFS gegründet wurde, war Fintech in der Schweiz noch weitgehend ein Fremdwort und wurde bestenfalls als eine Art Trend wahrgenommen. Heute ist Fintech längst nicht mehr nur ein Trend, sondern wird vorausgesetzt. Finanzbranche und Fintech sind praktisch untrennbar.

CK: Damals wurde die Digitalisierung im Finanzbereich vor allem von wenigen Jungunternehmern aktiv getrieben. Wir haben gesehen, dass wir zusammen mehr erreichen können für Schweizer Fintech insgesamt. SFS ist aus der Intention entstanden, uns untereinander zu verknüpfen, Brücken zu den traditionellen Playern der Finanzbranche zu schlagen und uns im gegenseitigen Austausch weiterzuentwickeln. Wie die Fintechbranche als Ganzes ist auch SFS schnell gewachsen.

Gemäss aktueller Zählung auf Ihrer Website gibt es in der Schweiz 224 Fintech Start-ups. Wie entwickelt sich der Trend der Firmengründungen im Vergleich zu den Vorjahren?

CK: Im Vergleich zu anderen Fintech Hubs weltweit wächst die Zahl an Start-ups am Schweizer Standort weniger rasant, dafür stetig. Wir spüren, dass das Wachstum zunimmt. Auch die Politik wendet sich vermehrt den Start-ups zu. Gründer erhalten mehr Anerkennung und auch das Image der Start-up-Branche steigt. Für immer mehr Menschen ist es heute attraktiver, in ein Start-up zu gehen, als die klassische Corporate-Laufbahn einzuschlagen beziehungsweise weiterzuverfolgen. Dennoch haben wir noch immer einen weiten Weg vor uns, wenn wir auch in Zukunft international in der Topliga mitspielen wollen.

Würden Sie sagen, bei den Firmengründern handelt es sich vor allem um jüngere Personen oder sind da auch altgediente Finanzprofis dabei?

CK: Auch die Start-up-Welt ist nicht frei von Stereotypen. Doch davon sollten wir uns ganz schnell verabschieden. Gründer sind längst nicht alle jung und männlich. Sogenannte altgediente Finanzprofis wie Sie sie nennen, die während ihrer Laufbahn bereits einige technologische Generationswechsel mitgemacht haben, können aus diesem Erfahrungsschatz für ein eigenes Unternehmen schöpfen. Ich kenne selbst solche Gründer und Gründerinnen, denen die Konzernstruktur irgendwann nicht mehr genug Freiraum für ihre Ideen liess und die daher auch nach vielen Jahren im Grossunternehmen den Schritt zur Firmengründung gewagt haben – erfolgreich. 

In einem Positionspapier des Verbands zu Open Banking und der Payment Services Directive sagte FSF, die Digitalisierung schaffe Potenzial für eine Vielzahl von Geschäftsprozessen. Wo sehen Sie für den Finanzplatz Schweiz das höchste Potenzial?

CK: In der Schweiz ist gerade der Bereich der KMU eine der wichtigsten Säulen der Gesamtwirtschaft – auch auf dem Finanzplatz. Durch eine Standardisierung und Vereinfachung von gewissen Geschäftsprozessen können insbesondere KMU wie auch Start-ups profitieren, die keine Ressourcen für eine grosse administrative Abteilung haben. Dies schafft Freiraum, um mehr Ressourcen für das eigentliche Business oder für Weiterentwicklungen einsetzen können. Zu den Geschäftsprozessen, die sich standardisieren liessen, zählen unter anderem:

  • Integration von ERP-Systemen und somit Vereinfachung und Digitalisierung von Buchhaltungsprozessen
  • Vereinfachung Spesen und Abrechnungen
  • Verbesserung des Risikomanagements in Unternehmen durch direkten Zugriff auf die Finanzdaten
  • Automatische Real-Time-Daten zur finanziellen Situation des Unternehmens
  • Neue innovative Dienstleistungen von Drittparteien im Bereich Personal Finance und E-Commerce-Lösungen

Was wäre zu gewinnen, wenn Banken in der Schweiz ihre Technologieprovider standardisieren würden?

CK: Nicht zuletzt UBS CEO Sergio Ermotti brachte vor kurzer Zeit in unserem Panelgespräch in Zürich eine Zusammenarbeit der Schweizer Banken im Bereich der operativen Back-End-Prozesse wieder zur Sprache. Unseres Wissens laufen diese Gespräche bereits seit vielen Jahren, da die Kostenreduktion und Effizienzsteigerung für alle Beteiligten augenscheinlich ist. Andererseits sind die Hürden bei etablierten Finanzinstituten hoch, da jeder ein eigenes lang etabliertes Legacy System pflegt. Eine Vereinheitlichung würde für Banken wie Kunden viele Prozesse sicherer, schneller, einfacher und kostengünstiger machen. Hier haben Start-ups natürlich den entscheidenden Vorteil, dass sie ihre Systeme und Prozesse «auf der grünen Wiese» aufbauen und die jeweils neuen Technologien für sich nutzen können. 

Die Schweizer Banken sind eher konservativ eingestellt – verpasst unsere Wirtschaft gerade den Anschluss, was die Digitalisierung angeht?

CK: Genau deshalb sind unsere Schweizer Start-ups so wichtig. Denn die Impulse in Richtung Digitalisierung kommen in der Schweiz vermehrt aus der Start-up-Szene. Auch einige Banken haben dies erkannt und unterstützen aus diesem Grund den Start-up-Standort Schweiz. Unterm Strich liegt Banken wie Start-up-Gründern der Erfolg des Schweizer Finanzplatzes am Herzen. Es geht daher um mehr als nur den eigenen wirtschaftlichen Erfolg. Den grossen Banken, aber auch den bereits erfolgreichen Start-ups kommt daher eine besondere Verantwortung zu, Newcomer zu fördern und das Ökosystem zu stärken.

Wie weit sind Ihre Bemühungen, eine breit aufgestellte Vereinigung zu gründen, die eine tragfähige Schweizer Open-Banking-Lösung anstrebt?

CK: SFS führt mit allen Parteien des Schweizer Finanzplatzes intensive Gespräche bezüglich sinnvoller Open-Banking-Lösungen. Die Gründung einer neuen Vereinigung ist derzeit noch nicht realisiert, Abstimmungen mit allen relevanten Initiativen laufen. 

In Planung haben Sie eine weitere internationale Expansion: mit Loanboox, der führenden Geld- und Kapitalmarktplattform für Behörden und Banken, die jetzt in Österreich aktiv wird und offenbar in der Schweiz Anklang findet. Wie kann dies die Internationalisierung in der Schweiz vorantreiben? 

CK: Swiss Finance Start-ups ist der Verein der Schweizer Fintech-Start-ups. Das heisst, wir vertreten die Interessen der Start-ups, die hier gegründet oder niedergelassen sind. Wir pflegen internationale Kontakte und viele unserer Mitglieder sind auch in anderen Territorien erfolgreich aktiv. Ein internationaler Austausch ist wichtig, auch um Schweizer Fintech im Ausland zu positionieren. Der Fokus von SFS liegt darauf, den Fintech Hub in der Schweiz zu fördern, wir setzen uns für ein Start-up-freundliches Ökosystem hierzulande ein.