«Wir sind aktuell an einem sehr spannenden Punkt in der Bankenwelt», sagt Dr. Daniel Diemers, Partner Strategy& und Experte für Kryptowährungen bei der Wirtschaftsprüfungs- und Unternehmensberatungsgesellschaft PwC Schweiz. Nach der Bankenkrise 2007/2008 und dem Fokus auf die Weissgeldstrategie der Schweizer Banken mussten sich diese aus Sicht der Compliance komplett neu orientieren. Es wurde eine beispiellose Regulierungswelle ausgelöst. «Hierbei sind sehr viele unterschiedliche Regulatorien entstanden, die unter anderem eine nächste Finanzkrise verhindern sollen.

Compliance ist heute wichtiger denn je», betont Diemers. Dies kann der ehemalige geschäftsführende Teilhaber der Privatbank Wegelin & Co., Konrad Hummler, nur bestätigen. «Compliance bedeutet Übereinstimmung der Aktivitäten einer Bank beziehungsweise eines ganzen Finanzplatzes mit den rechtlichen Rahmenbedingungen. Diese zeichnen sich durch eine hohe Dichte und eine weitgehend unüberschaubar gewordene Komplexität aus.» Aus Konrad Hummlers Sicht überschneidet und widerspricht sich das Bankenrecht der verschiedenen Rechtssysteme der Welt teilweise, was globales Banking sehr herausforderungsreich macht.

Digitalisierung erfordert neue Regulatorien

Für die Banken war die Anpassung an die Compliance-Richtlinien ein riesiger Effort. Inzwischen sind jedoch die wichtigsten Punkte umgesetzt. Doch statt sich nun wieder vermehrt auf die Kunden und den Markt konzentrieren zu können, müssen sie sich auf die nächste Regulierungswelle vorbereiten. «Im Zuge der raschen Digitalisierung in der Bankenwelt entstehen bezüglich Compliance wieder neue Herausforderungen», so Diemers. Blickt man auf die neuen Modelle im Digital Banking wie Crypto-Finance und Blockchain, muss man sich sehr früh um die Compliance und Regulation kümmern. Doch das ist einfacher gesagt als getan: «Wir haben die Schwierigkeit, dass auf diesem Gebiet noch sehr wenig Erfahrungswerte vorhanden sind. Es gibt keine bewährten Regulierungen, auf die zurückgegriffen werden könnte», betont der Stratege.

«Hier sind jene Banken im Vorteil, die vom Denken und von der Kultur her agiler sind und die es geschafft haben, ihre Compliance-Leute mehr ins ‹Daily Business› zu involvieren.

Hilfe durch Regtech

Um die vielen neuen Regeln einhalten zu können, ist eine enge Zusammenarbeit zwischen den Finanzhäusern und einschlägigen IT-Dienstleistern notwendig. In diesem Zusammenhang hat sich in der Branche der Begriff «Regulatory Technology», kurz Regtech, etabliert. «Regtech» umfasst innovative Technologien, die Finanzinstituten dabei helfen können, regulatorische Anforderungen einzuhalten und Aufgaben wie Reporting oder Anlegerschutz wahrzunehmen.

Bei «Regtech» fliessen neben spezieller Software auch Aspekte wie Cloud-Computing, künstliche Intelligenz oder Big Data zusammen. Wie der Begriff bereits vermuten lässt, handelt es sich dabei um eine Unterkategorie von «Fintech». Darunter sind ganz allgemein Technologien zu verstehen, die im Finanzsektor angewandt werden. Gemäss Konrad Hummler sind die neuen Technologien aus der Compliance von Banken nicht mehr wegzudenken. Ohne das Radar gegen problematische Kunden oder Auswertungen fragwürdiger Transaktionen kann heute keine Bank mehr überleben.

Zukunft der Bankenwelt

Damit einher geht eine Veränderung der Bankenwelt. Etwa durch die Nutzung von künstlicher Intelligenz. Sind dadurch Arbeitsplätze bedroht? Daniel Diemers verneint: «Ich denke in der Schweiz kaum, da wir einfache Arbeitsschritte bereits ins Ausland verlagert haben. Compliance ist nicht immer schwarz oder weiss, sondern meistens grau. Und genau hier braucht es Menschen, die Entscheidungen treffen können.» Die Arbeit der Bankmitarbeitenden – auch hinsichtlich Compliance – wird sich gemäss Diemers jedoch massgeblich verändern und verlagern.

«Hier sind jene Banken im Vorteil, die vom Denken und von der Kultur her agiler sind und die es geschafft haben, ihre Compliance-Leute mehr ins ‹Daily Business› zu involvieren. Die Banken müssen in die nächste Geländekammer schauen und antizipieren, was passieren wird», ist Diemers überzeugt. Denn die Konkurrenz wird in Zukunft grösser werden. In Europa zeigt sich der Trend, dass immer mehr «Nicht-Finanzinstitute», etwa Telekommunikations- oder Technologiefirmen, in den Bankensektor drängen. «In der Schweiz ist das noch kein Thema, das wird sich jedoch ändern», so Daniel Diemers.

Auch auf rechtliche Aspekte muss in Zukunft besser geachtet werden. Dazu Konrad Hummler: «Was ich mit echter Sorge beobachte, ist die Tendenz, dass Sachverhalte, die grundsätzlich dem Zivilrecht zugeordnet werden müssten, weil sie den Willen gleichberechtigter Parteien betreffen, mehr und mehr zum Gegenstand des öffentlichen Rechts und im Besonderen des Strafrechts werden», sagt Hummler.

Die Eigenverantwortlichkeit des Kunden leide unter dieser Verschiebung, ebenso seine Wahlfreiheit. Angesichts von Dichte, Komplexität und Widersprüchlichkeit sieht Hummler keine andere Möglichkeit, als die Geschäftsmodelle zu straffen. Das bedeutet den Verzicht auf bestimmte Geschäftsfelder und Weltregionen, aus denen die Kunden kommen.