ber einmal abgesehen vom Wasser hat die Schweiz kaum natürliche Ressourcen. Umso erstaunlicher ist, wie stark ihre Wirtschaft boomt und auf welches Wohlstandsniveau sich das Land gehievt hat. Statt auf endliche Ressourcen legen die hiesigen Unternehmen ihren Fokus auf Innovation, so dass sich die Schweiz in den letzten Jahren weg vom blossen Industrie- und immer mehr hin zu einem hochtechnisierten Forschungs-, Dienstleistungs- und Fertigungsstandort entwickelt hat. Kein anderes Land auf der Welt reicht pro Jahr mehr Patente pro Einwohner ein.

Wie lässt sich diese Innovationskraft der Schweiz erklären? Der Blick auf eine jährlich erscheinende Rangliste der Lausanner Wirtschaftshochschule IMD gibt Aufschluss: Die Schweiz ist so wettbewerbsfähig wie kaum ein anderes Land. Diese Wettbewerbsfähigkeit ist der Nährboden für Innovation und fusst auf mehreren Säulen, die den Grundprinzipien einer freien Marktwirtschaft entsprechen: Ein attraktives Steuerumfeld und flexible rechtliche Rahmenbedingungen, ein griffiger Schutz des geistigen Eigentums, wenige regulatorische Hindernisse, eine gute Infrastruktur und auf hohem Niveau ausgebildete Leute sowie freie Marktzugänge. Langfristig sind es vor allem die Rechtstaatlichkeit, politische Stabilität und der soziale Frieden, die ein Land wettbewerbsfähig machen. Die Schweiz punktet hier mit Offenheit, einer funktionierenden Sozialpartnerschaft, direkter Demokratie, Föderalismus und Neutralität.

Doch in letzter Zeit wird an einigen dieser Säulen gerüttelt, was sich auf die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz niederschlägt. Noch sind wir auf Platz 2 der IMD-Rangliste, aber nicht mehr so unangefochten wie im Vorjahr: Die Schweiz hat beim wichtigen Bewertungsfaktor «Arbeitsmarktflexibilität» deutlich an Boden verloren. Hier sind wir in der IMD-Bewertung bei den Möglichkeiten für die Rekrutierung ausländischer Fachkräfte innert Jahresfrist um elf Ränge auf Platz 16 abgestürzt. Gründe dafür sind die unklare Situation bei der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative und die bevorstehende Abstimmung über die noch viel schärfere Ecopop-Initiative.

Bereits 2008 nannten KMU-Führungskräfte ein klares Hauptproblem des Standortes Schweiz: Die Rekrutierung hochqualifizierter Spezialisten, Führungskräfte und Facharbeiter sei hier schwierig, stellten sie in einer Umfrage der Universität St. Gallen fest. Dieses Problem hat sich seither weiter verschärft, was nicht nur mit den politischen Ereignissen zusammenhängt. Einerseits altert unsere Gesellschaft rasant. Es gehen viel mehr Leute pro Jahr in Rente, als dass Jugendliche in den Arbeitsmarkt nachrücken. Andererseits suchen auch unsere Nachbarn händeringend nach Fachkräften, weshalb Schweizer Unternehmen sich im so genannten «war for talents» gegen immer mehr Mitbewerber behaupten müssen.

«Bereits 2008 nannten KMU-Führungskräfte ein klares Hauptproblem des Standortes Schweiz: Die Rekrutierung hochqualifizierter Spezialisten, Führungskräfte und Facharbeiter.»


Für die Schweizer Wirtschaft sind diese Entwicklungen umso gravierender, wenn man sich der Bedeutung der KMU für unseren Standort bewusst wird. 99.7 Prozent und damit über eine halbe Million der hiesigen Firmen sind von kleinerer oder mittlerer Grös­se. Zwei von drei Beschäftigten in der Schweiz arbeiten in einem KMU, drei von vier Lehrlingen werden dort ausgebildet. Im fruchtbaren Wechselspiel mit global tätigen Konzernen sind die KMU damit ein wichtiger Teil unserer Wirtschaft und massgeblich daran beteiligt, dass jährlich in der Schweiz mehr Arbeitsplätze entstehen. 41 000 neue Stellen waren es laut der KOF (Konjunkturforschungsstelle) der ETH Zürich in den letzten zwölf Monaten.

Auch hinsichtlich ihrer Offenheit steckt die Schweiz in einem Dilemma – was sich nirgends so stark abzeichnet, wie in ihrem Verhältnis zu Europa. Wirtschaftlich ist das Land darauf angewiesen, dass der Zugang zur EU, ihrer wichtigsten Handelspartnerin, offen bleibt. Daher wollen die Schweizer laut Umfragen auch weiterhin am bilateralen Weg festhalten. Politisch will die Schweiz keine Souveränität preisgeben – das hat das Abstimmungsergebnis zur Masseneinwanderungsinitiative gezeigt. Die Schweiz soll die Einwanderung wieder eigenhändig kontrollieren können.
Die nächsten Monate werden zeigen, wie der Bundesrat diesen Zwiespalt auflösen will. Für die Wirtschaft jedenfalls ist eine rasche Antwort auf diese Frage unabdingbar. Die Unternehmen müssen sich auf ein stabiles und berechenbares Umfeld in politischer, rechtlicher und ökonomischer Hinsicht verlassen können, um langfristige Investitionen zu tätigen. Die kleine, offene Schweiz und ihre Unternehmen sind zwingend auf eine herausragende Wettbewerbsfähigkeit angewiesen. Nur so lässt sich der Erfolg der Schweizer Wirtschaft fortschreiben und unser Wohlstand erhalten.