Die Medtech-Branche galt während vieler Jahre als krisenresistent. Die wachsenden Gesundheitsmärkte, in denen die Krankenversicherungen einen grossen Teil der Kosten übernahmen, schienen ein Garant für gute Umsatzzahlen. Seit der Wirtschaftskrise hat sich dieser Umstand allerdings verändert. Die kürzlich vorgelegten Geschäftsberichte drei wichtiger Schweizer Medizintechnikunternehmen – des Basler Zahnimplantate-Herstellers Straumann sowie dessen Zürcher Konkurrent Nobel Biocare und des Solothurner Unternehmens Synthes – machten die grossen Divergenzen in der Branche sichtbar. Die Margen von Nobel Biocare, des Herstellers teurer Zahnrestaurationen, haben sich im vergangenen Jahr halbiert. Straumann wies einen stagnierenden Umsatz auf. Lediglich Synthes konnte während der Krise leicht ausbauen. Dies liegt vor allem am Sortiment der Unternehmung. Produkte für die chirurgische Behandlung von Knochenbrüchen, Korrekturen und Rekonstruktionen am menschlichen Skelett sind konjunkturresistent.

Krisensicheres Geschäft
Um diese Zahlen begründen zu können, sind in den Augen des Managing Directors von Medtech Switzerland, Patrick Dümmler, zwei Fragen relevant: «Was kann man verschieben und wer bezahlt das Produkt?» Neben der Frage, ob ein Eingriff auf einen finanziell vorteilhafteren Zeitraum verschoben werden kann, sei vor allem die Frage nach dem Kostenträger entscheidend. Wird der Betrag von der Krankenkasse rückvergütet oder muss der Patient den Eingriff aus dem eigenen Portmonee bezahlen? Der westliche Markt ist stark geprägt von Rückvergütungs-Systemen, während in Asien oder Lateinamerika andere Rahmenbedingungen herrschen und die Frage nicht lautet, wie viel müssen, sondern wie viel wollen wir in die Gesundheit investieren. «Welchen Markt eine Unternehmung beliefern will, ist eine Strategiefrage und insbesondere während einer Wirtschaftskrise von enormer Bedeutung für den Umsatz und die Marge eines Medtech Unternehmens», so Dümmler. Die aktuellen Zahlen zeigen, dass Medtech-Titel an der Börse an Attraktivität verloren haben. Der Margendruck innerhalb Europas, der aufgrund  verschiedener Gesundheitsreformen entstanden ist, sowie die Eindämmung der Gesundheitskosten durch viele Staaten, sind eine der Ursachen für die Unsicherheit. Hinzu kommt der Preisdruck auf Medtech-Produkte, der etwa in den USA eine grosse Rolle spielt. Um an frühere Erfolge anzuknüpfen, ist ein Umdenken notwendig. Die Branchenstudie 2010 der Beratungsunternehmen Deloitte und Roland Berger sowie der Branchenorganisation Medical Cluster hat bereits im Herbst des vergangenen Jahres festgehalten, dass während vor drei Jahren noch die Innovation als wichtigstes strategisches Handlungsfeld genannt wurde, heute vor allem die Verbesserung der Profitabilität, ein optimiertes Marketing sowie und weiterentwickelte Unternehmensstrukturen und -prozesse im Zentrum stehen.
 

«Ich bin sehr optimistisch, dass viele Schweizer Firmen
es schaffen werden, die Innovation wieder anzutreiben.»

Das neue Kostenbewusstsein führte gemäss Mitteilung dazu, dass Forschung und Entwicklung überdacht wurden. «Dennoch bleibt die Innovation die langfristige Trumpfkarte für das Wachstum», heisst es in der Studie. Vor diesem Hintergrund erwarten auch die Unternehmen, welche sich nach wie vor auf die Innovation konzentrieren, die höchsten Wachstumsraten. «Mit dem Kostendruck auf das Gesundheitswesen ist die Kostennutzenanalyse relevanter denn je», so Dümmler. Unternehmen müssen künftig beweisen, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis ihres neuen Produkts besser ist als das, eines bereits vorhandenen Medtech-Produkts. «Das ist für viele Unternehmen ein Paradigmenwechsel», hält Dümmler fest. Wer bei der Kostennutzen-Analyse nicht überzeuge, werde grosse Mühe haben, sein Produkt über öffentliche Kassen abrechnen zu lassen. Dadurch steigen die Anforderungen an die Medtech-Unternehmen markant an. «Das bedeutet allerdings auch, dass der Wert der Innovation steigt», ist sich Dümmler sicher. Für die hiesigen Unternehmen sieht Dümmler aufgrund dieses Wandels allerdings keine Gefahr: «Ich bin sehr optimistisch, dass viele Schweizer Firmen es schaffen werden, die Innovation wieder anzutreiben.» Damit steht Dümmler nicht alleine da. Auch die  Branchen-Studie prophezeit den Schweizer Medtech-Unternehmen im laufenden und kommenden Jahr ein Wachstum von zehn bis zwölf Prozent.