Manche traditionelle kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sind schon seit langer Zeit erfolgreich. Basierend auf innovativen Erfindungen und Entwicklungen tragen jedoch auch viele Startups zum hohen Stellenwert der Schweizer KMU bei. Nationalrat Christian Wasserfallen sieht auf beiden Seiten wichtige Gründe für den Erfolg der Schweizer Wirtschaft.

Die Schweiz gilt als traditionelles KMU-Land. Welche Bedeutung haben diese KMU für unsere Wirtschaft und den Arbeitsmarkt?
Wasserfallen: Mehr als 97 Prozent der Schweizer Firmen beschäftigen 50 oder weniger Mitarbeitende. Das zeigt, wie weit unsere Wirtschaft von KMU durchdrungen ist – vom Coiffeursalon über Schreinereien bis hin zu international kompetitiven Werkzeugmaschinen-Herstellern. Das organische Wachstum unserer regional verankerten KMU trägt sehr viel zum Aufbau unseres Wirtschaftsstandortes bei. Oftmals ist dieses nachhaltige Wachstum für eine Region einfacher zu realisieren als auf die Standorteröffnung einer internationalen Firma zu warten.

Die vielen internationalen Patentanmeldungen aus der Schweiz zeigen auch, dass diese KMU sehr innovativ sind. Welche Bedeutung haben solche Innovationen?
Innovationen sind die Argumente, die unsere KMU weltweit von der Masse abheben. Wer international wettbewerbsfähig sein möchte, muss besser sein, damit auch höhere Preise bezahlt werden. Das ist eine unerbittliche Angelegenheit. Wer exportieren möchte, hat einen enormen Druck, neue Technologien zu implementieren. Im Jahr 2013 waren die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM) sowie die Pharma-Industrie für knapp 80 Prozent der Gesamtexporte verantwortlich. Besonders in der MEM-Branche gibt es sehr viele KMU. Sie müssen sich abheben. Ein Schweizer Produkt muss über die gesamte Lebensdauer, inklusive Recycling, eine durchgehend bessere Performance aufweisen als Konkurrenzprodukte.

Wie könnte man solche KMU weiter stärken?
Mit ihren flachen Hierarchien können KMU agil bleiben, das gilt es zu bewahren. Weiter sehe ich die Zusammenarbeit als enorm wichtigen Punkt. Kämpfen verschiedene KMU mit dem gleichen Problem, sollten sie sich vermehrt auch untereinander austauschen. Hier kommen beispielsweise auch die Fachhochschulen ins Spiel. Im Gegensatz zur ETH, die eher in der Grundlagenforschung tätig ist, haben Fachhochschulen den Anspruch, anwendungsorientierte Forschung und Entwicklung zu betreiben. Diese Philosophie passt gut zu KMU. Sie sollten in solchen Fragen offensiver auf die Fachhochschulen zugehen – und umgekehrt. Gerade auch in Zeiten eines Fachkräftemangels nützt ein guter Draht zu den Hochschulen viel und schafft Kontakte zu neuem und qualifiziertem Personal. Das ist eine Investition in die eigene Zukunft. Doch letztlich stellt sich die Frage, ob ein KMU bereit ist, sich zu öffnen.

Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit innerhalb von Branchenverbänden?
Ich finde diesen Austausch enorm wichtig. Jede Branche muss ein gemeinsames Verständnis entwickeln, wer man ist und wohin man will. Wer die Schweizer Landkarte anschaut, erkennt ein starkes organisches Wachstum der Industrie- und Gewerbezweige. Zum Beispiel verteilt sich die MEM-Branche sehr heterogen. Die Uhren- und Präzisionsindustrien finden sich insbesondere im Jurabogen, im Berner Jura und in Solothurn. Im Rheintal ist eher die Messtechnik angesiedelt, in Basel ist die Pharmabranche sehr gross und früher war die Textilindustrie in der Ostschweiz bedeutend. Zürich und zum Beispiel Baden sind auch Wiegen der Industrie. Diese Zusammenhänge sind frappant und dahinter steht immer ein organisches Wachstum. Die Frage, ob man zusammenarbeiten will, stellt sich also eigentlich gar nicht.

Wie sieht das Zusammenspiel zwischen traditionellen Betrieben und neuen, innovativen Unternehmen aus?
Grundsätzlich gibt es vor allem in den Führungsstilen und Unternehmens­philosophien grosse Unterschiede. Neue, international ausgerichtete KMU können unbefangen beginnen. Doch wer in einem bestimmten Markt auftreten will, kann nicht alles neu erfinden. Deshalb ist mein Appell, Tradition und Moderne öfter zu verbinden. Es ist nicht immer sinnvoll, eine neue Idee über ein Startup auf den Markt zu bringen. Das ist zwar spannend, aber auch enorm arbeits-, zeit- und kapitalintensiv. Häufig wäre es besser, wenn ein traditionelles KMU neue Ideen in sein Portfolio aufnimmt und Geschäftsbereiche erweitert. Die Startup-Mentalität ist durchaus wichtig, aber sie ist nicht in jedem Fall der effizienteste Weg.

Traditionelle KMU können also in Sachen Innovation auch Vorteile haben?
Wenn ein neues Unternehmen auf den Markt dringt, besteht natürlich eine Konkurrenzsituation. Doch diese treibt die traditionellen KMU laufend an, fit und agil zu bleiben. Nehmen wir das Beispiel Elektrovelos: vor einigen Jahren gab es nur wenige Hersteller und Produkte. Inzwischen kamen einige hinzu und auch klassische Hersteller oder gar Industrieunternehmen bauen und verkaufen heute solche Velos oder Teilkomponenten. Vergessen wir nicht, dass bestehende Unternehmen einen grossen Vorsprung in Sachen Vertriebsnetz, Kundenkenntnis und Produktions- oder Einkaufsprozesse haben.

Welche Zukunftschancen geben Sie der Schweizer Wirtschaft im internationalen Vergleich?
Sehr gute Chancen. Für mich zählen einige Schlüsselfaktoren, die ein Land oder einen Standort attraktiv machen. Das beginnt bei den Menschen. Die Denk- und Wissensnation Schweiz mit der ETH, den Fachhochschulen und der starken Berufsbildung kann auf gute Leute zählen, die ihr Wissen und ihre Fähigkeiten direkt in die Firmen und Entwicklungen übertragen. Der neue Schweizer Innovationspark wird hier bei wirtschaftsnaher Ausgestaltung wertvolle Inputs liefern können. Hinzu kommt die sehr hohe Stabilität in der Schweiz, sowohl politisch als auch wirtschaftlich und finanziell.

Das gilt auch für die Infrastrukturen, von der Strom- und Energieversorgung über die Transportwege und -erschliessung bis hin zu unserer Lage im Herzen von Europa. Dass wir unsere Hauptpartner in alle Himmelsrichtungen gut erreichen können, ist entscheidend für unseren Erfolg. Weitere Schlüsselfaktoren sind der starke Werk- und Finanzplatz, die ohne einander nicht auskommen. Schliesslich ist mir wichtig, dass Aussenpolitik immer Interessenpolitik ist. Es gibt einige Dossiers mit der EU und anderen Ländern, wo wir unsere Interessen klar zu verteidigen haben. Ein bisschen mehr Selbstbewusstsein gegen aussen täte hier gut. Swissness muss für Qualität, Zuverlässigkeit und gute Fachkräfte stehen, aber Swissness darf nicht Synonym für Duckmäusertum sein.